Frühkindliches Innenschielen

In den ersten Lebenstagen fällt Eltern beim Bewundern des neuen Ankömmlings in vielen Fällen ein zeitweiliges Abweichen der Augen auf, besonders bei Müdigkeit. 

Dies ist u. a. darauf zurückzuführen, dass in den ersten Lebenstagen bei den meisten Kindern eher unkoordinierte Augenbewegungen oder gar ein geringes Auswärtsschielen zu beobachten ist. Dieses zunächst normale kindliche Schielen darf nur in den ersten sechs Lebensmonaten andauern. 

Ab dem 3. Lebensmonat sollte die Reifung des Sehsystems so weit fortgeschritten sein, dass ein Parallelstand der Augen aufrechterhalten werden kann und beidäugiges Sehen möglich ist.

In ca. 5% der Fälle ist die Entwicklung des beidäugigen Sehens, vor allem aber dessen Leistungsfähigkeit nicht ausreichend, um eine Parallelstellung aufrechtzuerhalten. Die Folge ist meist ein Einwärtsschielen, das zunächst nur zeitweise auftritt oder aber ständig zu beobachten ist. 

Ursachen:
Eine eindeutige Ursache des Schielens wurde bislang nicht gefunden; es gibt lediglich verschiedene Theorien. Fest steht aber, dass Vererbung eine gewisse Rolle spielt. 

Krankheitsbild:
Der medizinische Begriff des “Frühkindlichen Schielsyndroms” ist ein von Prof. J. Lang (Zürich) fest definiertes Krankheitsbild mit mehreren Merkmalen:

  • großer konstanter oder variabler Schielwinkel 
  • ein Augenzittern, das lediglich am Augenhintergrund zu beobachten ist; in ausgeprägten Fällen kann man es beobachten, wenn das Kind nur mit einem Auge fixiert, wobei das andere Auge zugehalten wird
  • wechselnder Schielwinkel im Auf- und Abblick
  • wechselseitiges Höhenschielen
  • Kopfschiefhaltung

Früherkennung ist wichtig!

Eltern sollten so früh wie möglich auf diese Merkmale achten, denn je früher Schielen entdeckt wird, desto besser ist die Prognose. Wird es rechtzeitig erkannt, können die daraus entstehenden Folgen wie z.B. eine Sehschwäche des schielenden Auges behandelt und eine altersentsprechende Sehschärfe erreicht werden. 

Eine fachärztliche, also augenärztliche-orthoptische, Vorsorgeuntersuchung gibt es leider nicht. Die Augen werden in den ersten Lebensjahren im Rahmen des Vorsorgeprogramms beim Kinderarzt untersucht. 

Augenärzte und Orthoptistinnen empfehlen, innerhalb der ersten sechs Lebensmonate eine augenärztlich-orthoptische Vorsorgeuntersuchung vornehmen zu lassen.

Untersuchungen: 

  • Altersgerechte Ermittlung der Sehschärfe, auch im non-verbalen Alter 
  • Untersuchung der Augenstellung  (Schielen?) 
  • Untersuchung der Bewegungsfähigkeit des Einzelauges und beider Augen
  • Untersuchung des Pupillenspiels und eventuelle Lidfehlstellungen 
  • Untersuchung der beidäugigen Zusammenarbeit 
  • Untersuchung auf krankhafte Veränderungen der Netzhaut einschließlich des Sehnerven Objektive Messung von möglichen korrekturbedürftigen Brechkraftfehler (Fehlsichtigkeiten)

Möglichkeiten der Therapie:

Bei korrekturbedürftigen Fehlsichtigkeiten (Weit-, Kurzsichtigkeit, Hornhautverkrümmung):
Verordnung einer altersgerecht angepassten Brille. Diese kann sich bereits sehr positiv auf das Verhalten des Kindes auswirken, es wird oft viel lebendiger und handlungssicherer. Die Brille kann auch die Schielwinkelgröße verkleinern. 

Bei Sehschwächen (Amblyopie):
Wird überwiegend nur mit einem Auge fixiert, zeigt das Kind beim Abdecken des “guten Auges” Abwehrverhalten oder ist eine Fixation mit dem schielenden Auge gar nicht möglich, dann hat das “Schielauge” eine Sehschwäche (Amblyopie). Trotz optimaler Korrektur der Fehlsichtigkeit kann also keine altersentsprechende Sehschärfe erreicht werden. 
Es muss eine so genannte Zuklebebehandlung (Okklusionstherapie) erfolgen. 
Je nach Ausmaß der Sehschwäche wird stunden- oder tageweise das “gute Auge” mit einem Pflaster abgeklebt, damit das sonst schielende Auge mehr gefordert wird. Diese Behandlung kann über Jahre hinweg andauern. 

Bei großen Schielwinkeln: 
In den meisten Fällen des frühkindlichen Schielens ist eine operative Stellungskorrektur, eine Augenmuskel-Operation, erforderlich. Sie wird überwiegend im Vorschulalter vorgenommen, da die Kinder dann bereits sehr viel eingehender untersucht werden können. Ein solcher Eingriff hat funktionellen Charakter: Man gibt dem Gehirn die Möglichkeit, die beidäugige Zusammenarbeit aufzubauen, die bei der späteren Berufswahl oder in der Ausführung des Berufs, aber auch schon in der Schule, z.B. beim Lesen und Schreiben lernen, eine bedeutende Rolle spielen kann. 

Bei ca. 80 % der Kinder kann der Schielwinkel beseitigt werden, bei den restlichen ist ein weiterer Eingriff notwendig. Die erforderlichen Voruntersuchungen werden vom Augenarzt und Orthoptistin gemeinsam durchgeführt. In vielen Fällen wird das Schielen ambulant operiert, wenn nicht, dauert der Krankenhausaufenthalt lediglich ein paar Tage. 

Nach einer solchen Operation verbleibt nur ein kleiner, für Laien kaum sichtbarer Schielwinkel, in einigen seltenen Fällen ist er gar nicht mehr messbar. Aber auch in einem kleinen Schielwinkel kann eine gewisse Art der beidäugigen Zusammenarbeit aufgebaut werden, die im Alltag wertvoll ist.

In der Vorbereitungszeit bis zur Schieloperation – also vom ersten Lebensjahr bis zum Vorschulalter – ist es unerlässlich, dass Eltern über das Schielsyndrom aufgeklärt werden. Denn sie müssen Verständnis für die erforderliche Therapie haben und mitarbeiten. 

Die Zusammenarbeit zwischen Eltern/Kindern/Orthoptistin/Augenarzt ist besonders wichtig für die Motivation der Kinder.

Ohne deren Mitarbeit kann die Therapie nicht immer erfolgreich sein. Die behandelnde Orthoptistin und der Augenarzt müssen sich genügend Zeit für Eltern und Kinder nehmen und die Therapie individuell gestalten, damit sie gelingt. 

Nach einer Schieloperation ist die regelmäßige augenärztlich-orthoptische Betreuung bis einschließlich der Pubertät wichtig und sinnvoll. Denn auch wenn kein eindeutiger Schielwinkel mehr zu sehen ist, kann dieser sich im Laufe der Zeit wieder verändern. Es besteht die Gefahr, dass eine erneute Sehschwäche entsteht. Mit dem Wachstum des Kindes verändern sich die Brechkraftverhältnisse der Augen, so dass die Brillengläser regelmäßig überprüft werden müssen. 

Nach langjähriger, erfolgreicher Therapie bestehen für die Kinder keine größeren Einschränkungen für den zukünftigen Lebensweg. Sie sollten lediglich wiederum bei ihren Nachkommen rechtzeitig Vorsorge betreiben. 





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